Retro-Reise Teil 1 - Mein alter MP3-Player
12.01.2026
MP3-Player mit 256 MB
Ich habe meinen alten MP3-Player reaktiviert. Ich muss sagen, es war für mich eine kleine Offenbarung. Nicht wegen der Musik an sich, sondern, weil man etwas bedienen kann ohne es anzuschauen. Ein Handy braucht mindestens ein Auge oder die Spracherkennung, um einen Song weiter zu schalten. AirPods und Co. haben ebenfalls Knöpfe zum weiterschalten, doch diese liegen eben nicht ruhig in der Hand, wenn man durch die Gegend läuft.
Das Zweite was ich großartig fand war, dass man keine große Auswahl der Songs hatte. Das klingt gerade mega bescheuert, doch genau diese Songauswahl, die man vorher getroffen hat, hat mich zufriedener mit meiner Musik gemacht. Ich erwische mich des Öfteren bei Spotify und Co. die Songs einfach weiterzuskippen. Jetzt wollte ich nicht skippen, auch aus Furcht, dass die Playlist dann gleich zu Ende ist.
Ein dritter Punkt war die Wiederentdeckung der Musik auf dem Player. Es ist irgendwie schön, dass man Musik auf Kassetten, CDs, Vinyl, MP3-Playern, etc. auch noch nach Jahrzenten wieder entdecken kann und sich dann fragt: "Das habe ich mal gehört?". Klar, man kann seine Playlists ausdrucken oder abfotografieren, dennoch ist das Erlebnis so ein Anderes.
Warum ein MP3-Player?
Wie kam ich eigentlich dazu, dass ich meine MP3-Player geladen hatte und mir neue Klinkenkopfhörer kaufte? Ja, man braucht öfter neue Ohrknopfhörer mit Kabel als man denkt. Es kommen Knoten und Kabelbrüche rein - das habe ich für mich noch nicht gelöst, so weit ich mich erinnere. Der Grund war eigentlich, dass ich zu lange am Handy bin - beruflich als auch leider dann privat. Ich war davon genervt und wollte meine Handyzeit reduzieren, doch ich machte mittlerweile alles mit dem Handy - Ablenkungen inclusive. Ich war gefrustet von meinem Handy. Doch leider konnte ich nun ohne mein Handy keine Musik mehr hören. Doch wie sollte ich nun genussvoll Musik hören? Ich hatte meinen Plattenspieler abgegeben, habe keine CDs und Kassetten mehr...
Meine "ersten" Schritte mit Musik auf den Ohren
So erinnerte ich mich daran, wie ich im Schulbus saß und das Kabel um den MP3-Player wickelte, um die Störung aus dem Kabel zu bekommen. Ich hatte nur Banger auf meinen 128 MB Player. Also hieß es: Schublade auf und meinen aktuelleren Player mit 1 GB(?) und geladenen Akku hervorholen. Kopfhörer im Laden gekauft (es gab fast nur noch welche mit USB-C!) und dann Musik an, Kabelhörer rein und ab auf die Straße.
Es war echt ein großartiges Gefühl, ich habe nur Musik gehört. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Erlaubnis hatte nur Musik hören zu dürfen, sodass ich mich um nichts anderes kümmern musste. Es gab keine Ansagen im Ohr, wer gerade vielleicht eine Message geschrieben hat. Als ich auf das Handy schaute, war das Handy seit Langem wieder zur Nebensache geworden, denn die Hauptsache (die Musik) lief einfach weiter und ich konnte sie nicht mit dem Handy steuern. Handy wieder eingesteckt und die Welt mit Musik wahrgenommen.
Was uns genommen wurde oder verändert hat...
So hatte ich Zeit und machte mir Gedanken, was uns eigentlich genommen wurde, durch die ständige Verfügbarkeit sämtlicher Musik. Das klingt alles ein bisschen nach: "Früher war alles besser". Ne ne, auf keinen Fall! Es war komplizierter und anstrengender. Die Freiheiten und Vielfäligkeit, die Streaming gebracht hat, sind großartig. Deswegen die Vorteile schonmal vorweg: Streaming ist schneller und günstiger, um neue Musik auszuprobieren und neue Musik zu entdecken. Man kann Musik schneller teilen und eine Party mit einer gemeinsamen Playlist stundenlang unterhalten. Party Demokratie pur - sozusagen!
Alles super cool und alles Dinge, die ich nicht missen möchte. Doch vielleicht muss ich einfach lernen eher abzuschalten. Andererseits hat sich mein Nutzungsverhalten schon geändert: ich höre keine Alben mehr und ich skippe Songs sehr schnell. Doch ich habe das Gefühl, dass uns echt coole Dinge genommen wurden... Warum nicht neue Musik auf alten Medien testen?
Kreative Begrenzung und Vorfreude
Das Wichtigste war der begrenzte Platz! Man musste sich entscheiden welche Songs drauf kamen und welche man aktiv rauswarf. 20 Lieder, mehr war nicht drin. Das war eigentlich die Qual der Wahl. Man musste eindampfen. Das führte jedoch dazu, dass man sehr sehr ausgewählte Musik hatte und das die Kassette oder CD zum eigenen Kunstwerk wurde. Später mit MP3-CDs, auf denen statt 20 Songs dann 150 Songs passten, habe ich schnell die Orientierung beim Autofahren verloren.
Du weißt eben irgendwann, dass auf der A Seite nach "Because the night" von Patti Smith "Paranoid" von Black Sabbath folgt. Dass hat man auch schon drei Songs vorher angekündigt. Es war pure Vorfreude und man feierte jeden Song bis der "richtige" Song da war. Das war das Ritual! Und wenn dann "Paranoid" anfing, dann wackelte der Twingo. Hier geht es zum Song auf YouTube
Mixtape als Geste
Eigentlich habe ich den kulturellen Peak der Kassettenmix nicht miterlebt, CDs waren da schon einfacher. Denn ich kann es mir nur schwer vorstellen, dass man vor dem Radio auf einen bestimmten Song warten musste, um diesen aufzunehmen. Klar, ich habe selbst mal 2 oder 3 Songs aus dem Radio aufgenommen. Doch später hatte ich meine Tapes mit Winamp und später mit Spotify zusammengestellt. Gut, es waren auch nur 3 Kassetten in meinem Leben... Worauf ich hinaus will? Es ist Arbeit - echt nervige Arbeit. Bei einer CD ging es dann etwas schneller.
Erhielt man ein Mixtabe von jemanden, dann war man sich sicher, es war ausgewählte Musik und echt viel Arbeit. Das Hören der Musik hat dann einen ganz anderen emotionalen Wert gehabt.
Es kann der gleiche Song sein, dennoch hört er sich grundverschieden auf Spotify oder auf einem Tape, dass man geschenkt bekommen hat, an.
Plattensammlungen und das Vorgespräch
Eigentlich ist es sperrig CD's, Kassetten und Co. zu horten und immer nur das gleiche zu hören. Man durfte jedoch Freunde besuchen, um neue Musik kennenzulernen. Freunde, die einfach einen anderen Musikgeschmack oder eine viel größere Sammlung an Tonträgern hatten, hier sprach man sehr viel über Musik. Man stand gemeinsam vor dem Regal oder durchsuchte den Stapel CD's, der unter dem Tisch lag nach bekannten Bands oder interessanten Covern. Ohne die Musik gehört zu haben, wurde bereits über Musik und Erlebnisse gesprochen. Es wurde über das Cover, die Bandgeschichte, Songtexte oder woher man diese CD gekauft hatte, gesprochen. Dieses Erlebnis gehörte zum "Musik hören" dazu.
Das Handy der Eltern als Medium des Kindes
Als Kind will man seine Lieblingsmusik und Hörspiele immer dabei haben, um sie zu hören. Man hatte seinen Kassettenkoffer oder das CD-Etui dabei und seinen tragbaren Player. Meine Nichte fragt, ob sie das Handy der Eltern nutzen darf, um ihr Hörspiel zu hören. Eigentlich kein Problem. Ich habe mich daraufhin gefragt, wie Kinder später ihre Musik auswählen? Ab wann brauchen sie ein eigenes Handy und ein Abo, um die Lieblingshörspiele und Musik zu hören? Ok, eine Toniebox ist auch cool.
Romantisiere ich das hier gerade? Eigentlich hatte ich nur 5 bis 10 Kassetten, die mich durch die Kindheit getragen haben. Ich habe diese hoch und runter gehört, bis mir öde war und ich alles mitsprechen konnte und jedes Hintergrundgeräusch wusste. Erst später füllte ich meine Sammlung mit den Drei Fragezeichen-Kassetten und ich verlor immer mehr den Bezug zu den Inhalten. Gut, länger als bis zur Mitte der A-Seite kommt man abends sowieso nicht. Doch wenn man eine Kassette stoppe, dann spielte sie genau dort weiter, wo man auf "Stop" drückte. Du brauchst dir keine Track-Nummer merken oder die Minuten. Was war deine Lieblingskassette?
Müssen wir überhaupt Medien besitzen?
Keine Ahnung... Gut, ohne den Kauf von Tonträgern haben es Bands und Künstler:innen schwerer. Dann muss das Geld eben über Festivals reinkommen und T-Shirts oder so. Doch mit was dekoriert man seine Wohnung? Was bleibt in den Räumen noch übrig? Life - Love - Laugh? Love - Life - Laugh? (Gruß an Tom)
Eigentlich ist tauschen oder leihen ohne Medienträger sinnlos geworden. Ist auch klar, man hat nichts mehr zum tauschen, da alle das Gleiche haben, nämlich Alles. Leihen und Tauschen befeuert auch soziale Interaktionen, siehe "Werkzeug ausleihen" etc... Ein Link verschicken, um eine Playliste zu teilen, ist natürlich tausendmal einfacher als etwas wirklich auszutauschen. Doch mit einem physischen Medium kommt man ins Gespräch, man hat etwas in der Hand und gibt es in die andere Hand.
Musik und Film mit Streaming entdecken
In einer Studie von Deezer hieß es, dass man bis zum 27 Lebensjahr (oder so) noch einen flexiblen Musikgeschmack hat und man später im Leben wohl immer das Gleiche hören würde (Musikexpress 2018). Die Begründung aus den Fragebögen war, dass emotionale Ereignisse eher in der Jugend passieren und diese Ereignisse mit Musik verknüpft werden. Keine Emotionen mehr nach 27? Uff...
Zum Glück gibt es Streaming! Um nicht festzustecken ist Streaming doch super! Neue Musik, Filme und Podcasts. Diese Dinge bringen frischen Wind in die Bude. Das kann noch nicht mal eine Videothek. Diese Vielfalt kann dir nur Streaming geben. Doch es braucht keine Vielfalt bei den Gelegenheiten, bei denen man sowieso nur das Gleiche hören oder sehen möchte.
Ist das nun gut oder schlecht?
Keine Ahnung. Ehrlich! Mit Streaming geht alles oben Genanntes immer noch - schneller, günstiger(?) und einfacher. Auch hektischer, weil der nächste Song wartet! Vielleicht bin ich der Hektische, doch mein MP3-Player fühlt sich anders an. Vielleicht ist es auch die Vorfreude, die mir durch das Streamen genommen wurde.
Ich versuche jetzt einen hypriden Weg für mich zu gehen. Das heißt, dass ich bei Medien, die ich immer und immer wieder konsumiere, auf statische Träger zurückgreife und zum Entdecken zum Streaming gehe, dass ich unterwegs auf kleinen Strecken zum statischen MP3-Player greife und bei längeren Reisen auf meine digitale Playlist klicke.
Fazit: Es braucht wieder Beides! Streaming und stative Medienträger!
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